Ein Artikel zur Befreiungstheologie aus dem Jahr 1997 und vielleicht gar nicht so veraltet!

Dieser Artikel wurde 1997 - für die Festschrift zum 25 jährigen Jubiläum der württembergischen Synodalgruppierung “Offene Kirche” geschrieben. In ihm versucht Ralf Häußler seine Erfahrungen seit 1986 mit Lateinamerika und den dortigen Basisgemeinden und Basisbewegungen zu vermitteln und die wichtigen aktuellen Entwicklungen in den lateinamerikanischen Kirchen aufzuzeigen.

1997 hörte sich das so an: “Allgemein spricht man davon, dass die Theologie der Befreiung an ihr Ende gekommen sei. In Fachzeitschriften wird nur noch wenig über sie publiziert. Die Faszination, die von ihr einst nach Europa ausging, scheint erloschen. Auch in Lateinamerika hat sich einiges verändert: Die Misa Popular, die Messe des einfachen Volkes, die zur Zeit des Erzbischofs Romero zur Grundlage vieler katholischer Gottesdienste in El Salvador gehörte, wird kaum noch gefeiert. Oft sind die alten, traditionellen Liturgiebücher wieder aus dem Schrank geholt worden. Ist die Spiritualität des Volkes Gottes, das sich auf den Weg der Befreiung aus der Knechtschaft macht, erloschen? Sind die Träume diesseits und jenseits des Ozeans gestorben?

Vor 25 Jahren machte der Theologe Gustavo Gutiérrez mit seinem Buch „Theologie der Befreiung” diesen neuen Ansatz von Kirche und Theologie in Europa und Nordamerika bekannt. Damals schrieb er: „Die vorliegende Arbeit versucht, eine Reflexion zu entwerfen, die zugleich vom Evangelium und von den Erfahrungen der Männer und Frauen ausgeht, die sich in diesem von Unterdrückung und Beraubung beherrschten lateinamerikanischen Kontinent dem Prozess der Befreiung verpflichtet haben. Es handelt sich um eine theologische Reflexion, die aus dieser Erfahrung entsteht, denn sie teilt das Bemühen, die gegenwärtige, von Ungerechtigkeit gekennzeichnete Lage zu beseitigen und eine andere, freiere und menschlichere Gesellschaft zu schaffen…Daraus werden wir dann zu schließen haben, dass die bis heute traditionellen Betrachtungsweisen erschöpft sind und dass man anfangen muss, neue Fährten theologischer Reflexion zu suchen…Alles dies wird uns zu erkennen geben, dass die Frage nach der theologischen Relevanz der Befreiung in Wirklichkeit eine Frage nach dem Sinn des Christentums und nach der Sendung der Kirche ist.” (Gutiérrez, Theologie der Befreiung, S.2-4).

Im Folgenden sollen einige Stationen der 25-jährigen Geschichte der Theologie der Befreiung, im Besonderen aus der Sicht von Mittelamerika, beschrieben werden. Einer der bekanntesten Theologen in Mittelamerika, Pablo Richard, der in Costa Rica lehrt, meint dazu: „Die Theologie der Befreiung hat sich vollkommen geändert. In den 70er und 80er Jahren war ihr Thema die Befreiung von Unterdrückung und Ausbeutung. Diese Befreiung wurde oft mit der Hoffnung gleichgesetzt, die Hauptstädte unserer Länder zu erobern, die Großgrundbesitzer zu vertreiben und die Macht im Land zu übernehmen. Es hat sich herausgestellt, dass dies eine unerreichbare Utopie war.” In El Salvador wurde der Bürgerkrieg durch Verhandlungen beendet. Die ersten Wahlen gewann die rechtsradikale ARENA-Partei. In Nicaragua wurden die Sandinisten durch Wahlen wieder aus der Macht gedrängt.

Jetzt ist die Theologie der Befreiung viel bodenständiger geworden. Es geht nun um Strategien des alltäglichen Überlebens. Es geht um die Eroberung von Freiräumen, die eine eigenständige Entwicklung auf dem Land und in den Armenvierteln der Großstädte ermöglichen. Ein Beispiel dafür ist der regionale Aufstand der indigenen Bevölkerung in Chiapas in Mexiko. Als ich Mitte der 80er für zwei Jahre in Mittelamerika studierte und in dortigen Kirchen und Gemeinden arbeitete, beobachtete ich folgende Aufgabenfelder und Herausforderungen für die Theologie der Befreiung: Nach den Jahren des Aufbruchs in den 70er und der damals herrschenden Kreativität des theologischen Denkens und in der gemeindlichen Praxis war nun der Zeitpunkt gekommen, in der dringend nach einer Systematisierung der bisher gemachten Erfahrungen und der theologischen Ansätze gefragt wurde.

Eine neue Spiritualität der Landbevölkerung

Die Kirchen lebten von der Spiritualität ihrer Mitglieder. Erzbischof Oskar Arnulfo Romero sprach davon, dass er – als Bischof! – von den Armen evangelisiert worden sei. Der Vorgang der Evangelisation wurde damit vom Kopf auf die Beine gestellt: Die Armen evangelisieren ihren Bischof, indem sie ihm die Augen öffnen über die wahre Situation im Land, über die Unterdrückung und den aus USA und Europa unterstützten Staatsterrorismus.

Als erstes ging es also darum, Klarheit darüber zu erlangen, von welcher Realität her die Kirche ihre Aufgabe und Mission bestimmen muss – die Realität der Reichen oder die Realität der Armen. Diese Realität eröffnet dann den Zugang zur Bibel. Der in Europa so oft zitierte garstige Graben der Geschichte, der uns von der Welt der Bibel trennt und die Exegese erfordert, wurde durch die Theologie der Befreiung nicht zugeschüttet. Die Kirchen Lateinamerikas entdeckten aber, dass die Akteurinnen und Akteure der Bibel oft aus einer ähnlichen wirtschaftlichen und politischen Situation stammten.

Da die Unterdrückung und Ausbeutung in den ländlichen Gegenden Mittelamerikas oft am extremsten war, verwandelte sich die Landbevölkerung in ein Subjekt der Exegese, und zwar der progressiven fortschrittlichen Exegese. Die Bewegung Jesu hatte ihren Ausgang auch auf dem Land, führte in die Hauptstadt Jerusalem und nahm dort ihr bekanntes Ende.

Politische Spiritualität

Ein weiterer wichtiger Punkt war die politische Spiritualität, wie sie z.B. bei den lutherischen Gemeinden in El Salvador deutlich wurden. Viele der Gemeindemitglieder waren gleichzeitig Mitglied der kommunistischen Partei in El Salvador. Dies war kein Gegensatz, sondern es trat vielmehr ein Synergieeffekt auf. Der politisch-militärische Kampf der Befreiungsbewegung FMLN und der Ansatz der lutherischen Kirche schlossen sich nicht aus, sondern befruchteten sich gegenseitig. Die Befreiungsbewegungen, die oft noch von europäischem Gedankengut ausgingen, wurden bereit, sich mit den kulturellen Wurzeln der Bevölkerung, ihren Werten und weltanschaulichen Symbolen auseinander zusetzen und diese ernst zu nehmen. Die dominierende westliche Kultur, kam damit an ihr Ende.

Gleichzeitig gab die Analyse der kapitalistischen Gesellschaft durch Karl Marx und besonders der italienische Kommunist und Philosoph Antonio Gramsci den lutherischen Christinnen und Christen das Handwerkszeug, ihre Situation soziologisch und wirtschaftspolitisch zu verstehen. „Armut ist alles andere als gottgegeben” – darin stimmen Karl Marx, die Propheten der Bibel und Jesus überein. Natürlich gab es Brüche. So erzählte mir ein baptistischer Pfarrer in Nicaragua, dass es immer wieder vor kam, dass sandinistische Soldaten, die Mitglieder der baptistischen Kirche waren, im Krieg gegen die Contras gezwungen waren, zu töten und dies nicht mit ihrem Glauben und der Einhaltung des 5.Gebotes in Einklang bringen konnten. Der Konflikt blieb offen. Die Kirche konnte ihren Mitgliedern in dieser Gewissensfrage, vor der wohl auch christliche Vertreter des Widerstandes gegen Hitler gestanden waren, nicht helfen.

Theologie der Befreiung – ein neues Modell von Kirche?

Ist die Kirche aus ihrer Mitte heraus reformierbar? Dieser Frage stellten sich viele Gemeinden und TheologInnen der Befreiungstheologie. Dabei ging es letztendlich um eine Überlebensstrategie. Würde es gelingen, das neue Modell von Kirche, das in den christlichen Basisgemeinden entstanden ist, zum allgemeingültigen Modell der Kirche zu machen, oder würde die Mutter Kirche ihre eigenen Kinder verschlingen? Viele Priester, Katechetinnen, Bischöfe in ganz Lateinamerika bekannten sich zu dem neuen Modell der Kirche. Es schien also tatsächlich möglich, den Gang der Kirche zu verändern, obwohl in Rom mit Kardinal Ratzinger und dem Papst mächtige Gegner standen.

Rom versuchte seit Mitte der 80er Jahre durch eine gezielte Personalpolitik, die Abberufung fortschrittlicher Kräfte und die Einsetzung von Bischöfen, die dem Militär und den Großgrundbesitzern nahe stehen, den Reformprozess zu ersticken. Zumindest auf der Ebene der kirchlichen Hierarchien in Lateinamerika ist dies weitgehend gelungen.

Die Option für die Armen differenziert sich aus

Schon Mitte der 80er Jahre wurden die Fundamente einer Entwicklung gelegt, die in den 90er Jahren immer wichtiger wurde: die Ausdifferenzierung der sozialen Klasse der Armen in spezifische Gruppen, z.B. die Schwarzen, die Indigena–Bevölkerung, die Frauen. Letztlich war die Theologie der Befreiung ebenso wie die Befreiungsbewegungen zu Beginn von der nordatlantischen Theologischen Systematik und dem Entwicklungsmodell der Industrienationen bestimmt – auch wenn sie sich kritisch davon absetzten.

Die Sandinisten hatten zu Beginn ihrer Regierungszeit den Fehler gemacht, die Besonderheiten der Indigena-Bevölkerung, der verschiedenen Völker, die in den Urwäldern und der Atlantikküste Nikaragua lebten, nicht wahrzunehmen. Ihre eigenständige Kultur wurde dem Entwicklungsmodell, das in der Hauptstadt Managua entworfen worden war, unterworfen. Das war ein wichtiger Ansatzpunkt für die USA-Regierung und die Contras. Es war ihnen gelungen, bei der Indigena-Bevölkerung die Hoffnung auf mehr Selbstbestimmung und eigenständige Entwicklung nach einem Sieg über die Sandinisten zu wecken.

Die eigene Kultur zu entdecken wurde auch in den evangelischen Kirchen Guatemalas immer wichtiger. Mitte der 80er Jahre begannen presbyterianische Gemeinden damit, in den Gemeindeversammlungen und Gottesdiensten nicht die Sprache der Eroberer, nämlich Spanisch, zu benutzen, sondern die des jeweiligen Volkes. Dies hatte auch zur Folge, dass die Frauen sich stärker in die Gemeindearbeit einbringen konnten. Sie waren gegenüber den im Spanischen besser bewanderten Männern in den Gemeindeversammlungen oft ins Hintertreffen gekommen, da sie sich auf Spanisch schlechter artikulieren konnten.

Gottesdienst und das gemeindliche Leben wurden Schritt für Schritt auf die Kultur der Indigenas umgestellt. Die Abendmahlsfeier, die bislang mit Oblaten und Wein gefeiert wurde, wurde Schritt für Schritt auf Tortillas und Kaffee umgestellt Frauen organisieren sich Mitte der 90er Jahre treten die Frauen und ihre konkrete, soziale und wirtschaftliche Situation, in den Vordergrund. Die Gesellschaften haben sich geändert. Friedensverträge in Nicaragua, El Salvador und Guatemala haben die Kriege beendet. Das verschafft den Frauen Freiräume, so wie es ihnen gleichzeitig Freiräume nimmt. Durch ein Ende der vom Krieg bestimmten Situation können sich die Frauen in Kirche und Gesellschaft mehr Gehör verschaffen. Auch die Befreiungsbewegungen waren militärisch organisiert und damit männerorientiert. Gleichzeitig mussten die Frauen immer ihre Interessen den Gesamtinteressen des Befreiungskampfes unterstellen. Das ändert sich nun. Gleichzeitig kommen aber die Männer aus den militärischen Strukturen zurück und verdrängen Frauen, die durch den Krieg in Leitungsfunktionen gekommen waren.

Globalisierung – widersprüchliche Erfahrungen

Von den 150 000 industriellen Arbeitsplätzen in El Salvador sind heutzutage mehr als die Hälfte Frauenarbeitsplätze in den sogenannten Maquiladoras. Das sind Fabriken, die in Freihandelszonen vieler Südländer entstehen und in denen Textilien und Stoffe für den Weltmarkt hergestellt werden. Sie sind national und international in die Schlagzeilen geraten, weil die Menschenrechte in ihnen eklatant gebrochen werden. Arbeiterinnen sind gestorben, weil sie wegen mangelnder Erlaubnis, den Arzt zu besuchen, ihr Kind auf der Toilette der Firma zur Welt bringen mussten.

Während nun der Widerstand gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen und die Leitlinien der gewerkschaftlichen und betrieblichen Organisation früher aus der Gewerkschaftszentrale kamen und dann in die Betriebe hineinwirken sollten, geht die Entwicklung jetzt gerade andersherum. Den Frauen gelingt es, ihre eigenen Interessen vor Ort und die Formen ihrer Organisation zu bestimmen. Die traditionelle Gewerkschaftsarbeit botkeine oder unzureichende Antworten auf die Probleme, vor denen die Frauen in den Betrieben stehen. Frauenorganisationen versuchen nun, gezielte Bewusstseinsarbeit in den Betrieben zu machen, um die Arbeiterinnen zu ermutigen, stärker für ihre Interessen einzutreten und betriebliche Verbesserungen zu erreichen. Andererseits sind die Frauen an den Arbeitsplätzen sehr interessiert, weil sie eine Alternative zur Arbeit als Straßenverkäuferin oder als Saisonarbeiterin in den Kaffeeplantagen ist. Ein wichtiger Aspekt für die Frauen ist auch die Aufwertung gegenüber dem Ehemann, da sie nun oftmals die einzigen Mitglieder in der Familie sind, die ein festes Gehalt beziehen. Diese Frauen bringen – selbstbewusst geworden – ihre Fragen und Probleme in die Kirchen ein. Was für diese nicht ganz einfach ist, denn die lateinamerikanischen Kirchen müssen sich – wie die europäischen auch – erst noch die Instrumente erarbeiten, um Entwicklungen wie Globalisierung und Neoliberalismus zu interpretieren und Handlungsstrategien entwickeln zu können, die den Herausforderungen der Frauenarbeitsplätze in den Textilfabriken entsprechen.

Bewahrung der Schöpfung – eine soziale Aufgabe

Die ökologische Frage bekommt in den Kirchen Lateinamerikas zurzeit eine immer größere Bedeutung. Umweltverschmutzung und Ressourcenverbrauch ist dabei nicht ein isoliertes Thema, sondern die ökologische und die soziale Fragestellung werden zusammengebracht. Die Reichen können sich sauberes Wasser kaufen. Den Armen muss daran gelegen sein, das öffentliche Wasserversorgungssystem und die Wasserqualität der Flüsse zu verbessern.

Neue Bewegung in den Pfingstkirchen

In Guatemala nehmen die Pfingstkirchen bereits 30 Prozent der Bevölkerung ein – mit steigender Tendenz auch in den anderen Ländern Lateinamerikas. Es ist jedoch nicht hilfreich, diese neue evangelische Bewegung nur als Handlanger nordamerikanischen Fernsehprediger, des CIA und als Ausdruck der Entfremdung zu betrachten, obwohl viele Analysen gerade aus dem Bereich der Theologie der Befreiung in diese Richtung weisen. Die Pfingstbewegung darf aber nicht so verkürzt betrachtet werden.

Exemplarisch deutlich wurde mir dies am Beispiel eines pfingstlerischen Predigers im Slum der Hauptstadt San José von Costa Rica. Die Gemeinde befindet sich in einem Flussbett, das geschaufelt wurde, damit die oberhalb in einem Vulkan lagernden Wassermassen bei einem Erdbeben nicht die Hauptstadt unter sich begraben, sondern kanalisiert werden. Genau in diesem Kanal hatten sich die Armen angesiedelt. Der Prediger sprach über die Arche Noah und identifizierte die Arche Noah nach pfingstlerischer Lesart als Beispiel der Rettung durch Gott aus der Welt. Mitten in der Predigt vollführte er jedoch eine Kehrtwendung um 180 Grad: Gerade noch sprach er davon, dass Gott die Arche Noah schickt, um sein Volk aus den Wirrnissen der Welt zu befreien – einer Welt, die dem Untergang geweiht ist. Plötzlich stellt er den Bezug zur Wirklichkeit, in der die Menschen zwischen den Dämmen leben, her. „Gott will nicht, dass wir in den drohenden Wassermassen umkommen. Wir müssen bei der Stadtverwaltung dafür kämpfen, dass wir Grund und Boden für unsere Hütten außerhalb dieser Falle, in der wir uns befinden, bekommen.” Die soziale Wirklichkeit hatte den Prediger eingeholt, und der erste Schritt zu einer Bibelauslegung, die nicht entfremdet, war getan.

Neue Formen der Solidarität  – Die Theologie der Befreiung wandert nach unten.

Die Bischöfe und die Theologinnen und Theologen verlieren an Bedeutung. Durch die Globalisierung besteht jetzt gleichzeitig die Chance, eine wirklich gleichberechtigte Solidarität der Gemeinden und der einzelnen Christinnen und Christen zu entwickeln. Überall in der Welt wird das Modell des Neoliberalismus verwirklicht: Der Staat wird immer weiter abgebaut. Die Privatisierung von staatlichen Unternehmen, wie der Bahn oder der Telekommunikation, ist nur ein Schritt hin zur Privatisierung aller sozialen und gesellschaftlichen Dienstleistungen.

Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus El Salvador werden gegen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus Deutschland, Indonesien und Südafrika ausgespielt. Die weltweite Entwicklungsspirale hat ihre Richtung um 180 Grad gedreht. Während früher gesagt wurde, dass sich die Gesellschaften in den armen und ausgebeuteten Ländern in einer Art nachholender Entwicklung in Richtung des Nordens entwickeln, das Modell der Industrienationen also ihre Zukunft ist, ist es nun gerade umgekehrt: Die Länder des Südens sind unsere Zukunft. Wer also wissen will, wie die Gesellschaften in Europa sich in 20 Jahren organisieren werden, kann dies jetzt schon am Modell von z.B. Chile studieren.

„Heute lautet der radikale Gegensatz STERBEN – LEBEN. Der Kapitalismus gibt seine Politik der Reform und Entwicklung für die gesamte Dritte Welt auf. Heute finden seitens des Kapitalismus nur noch in wenigen Sektoren in der Dritten Welt Reformen und Entwicklung statt, und das nur dort, wo es unmittelbar kapitalistischen Interessen dient. Sie findet sich völlig aufgegeben und dem Sterben überantwortet, sie ist nicht mehr abhängig, sie existiert einfach nicht mehr. Vom Stadium der Abhängigkeit nun in das des Nichtvorhandenseins! Wir sind nicht einmal mehr die Dritte Welt, wir sind die Letzte Welt, die Nicht- Welt, die verwünschte Welt der Ausgegrenzten (Excluidos) und zum Sterben Verurteilten. Deshalb ist es heute revolutionär und befreiend, Reform und Entwicklung zugunsten aller in der Dritten Welt zu suchen. Der Kapitalismus will nur das Leben von wenigen erhalten und nimmt dafür das Sterben der vielen hin. Aber können wir das hinnehmen?

Die wahre Alternative ist einzig und allein das Leben für alle, denn das Leben für die wenigen ist nicht um den Preis des Sterbens der vielen zu haben. Ihr Tod wäre der Tod aller. Die Entscheidung für Entwicklung und Befreiung, für die Armen, wird in der gegenwärtigen Situation zu einer Entscheidung für das Leben. Die Theologie der Befreiung wird zu einer Theologie des Lebens. Das Leben – Leben für alle und Leben für den ganzen Kosmos – wird das neue Argument, die neue Logik, die neue Kultur, die neue Ethik, Spiritualität und Theologie, die sich in der jetzigen Situation dem Kapitalismus radikal entgegenstellen.”(Pablo Richard, Jahrbuch Mission 1992)“.