Ökotouristische Projekte von Indígenas in Costa Rica

REGENWALD MIT TRADITION

 

Ende 2010 erhielt die “Asocación Bribripa Kaneblö“, eine Vereinigung von Indígenas des Bribri-Volkes, als erste indigene Gruppe die offizielle Anerkennung des costarikanischen Tourismus-Instituts ICT. Ihre kleine, rustikale Lodge in Salitre gilt nun als staatlich anerkannte  “Herberge des ländlichen Tourismus“.

Salitre ist auch noch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Während vor wenigen Jahren nur junge oder hartgesottene Abenteurer das Übernachten in einer indigenen Gemeinschaft reizvoll fanden, bietet diese Lodge auch einem breiteren Publikum eine einfache, aber gemütliche Unterkunft in Holzhäuschen, die geschmackvoll mit Palmblättern bedeckt sind. Ein eigenes Bad und eine kleine Terrasse sowie Betten mit bequemen Matratzen und Moskitonetz gehören zur Ausstattung.

In den Katalogen grosser, konventioneller Veranstalter findet man solche Lodges zwar noch nicht, aber einige ihrer Rundreisen beinhalten einen Tagesbesuch, um die Begegnung mit autochthonen Kulturen zu ermöglichen.

 

Die indigene Bevölkerung Costa Ricas – ca. 60.000 an der Zahl – lebt in abgelegenen Territorien zumeist von der Subsistenzlandwirtschaft. Da etwa die Hälfte der gesetzlich den Ureinwohnern zustehenden Flächen in der Hand von “Weissen“ ist und ein Grossteil aus gebirgigen Waldregionen besteht, sind die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen sehr begrenzt. Durch das Vordringen der “Zivilisation“ in Form von Schulen, Schotterstrassen und Dorfläden hat der Geldverkehr die traditionellen Tauschbeziehungen ersetzt. Erwerbsmöglichkeiten  gibt es nur wenige: als Lehrer oder Polizisten (teils in der Hauptstadt), saisonal als Kaffeepflücker, und in der Herstellung von Kunsthandwerk.

 

Vier Faktoren trugen wesentlich zum Entstehen ökotouristischer Projekte von Indígenas bei:

  • die Nähe zu Nationalparks und anderen touristischen Gebieten,

  • die Schulabgänger, die teils sogar Grundkenntnisse in Englisch besitzen und von der Subsistenzlandwirtschaft allein nicht leben können,

  • die Notwendigkeit zur Erschliessung neuer Absatzmärkte für das Kunsthandwerk

  • die Finanzierungsmöglichkeiten mit Entwicklungsgeldern, z.B. dem Kleinprojektefonds des UNDP.

 

Schon vor Jahren entwickelten einige Interessenten in Zusammenarbeit mit der Nichtregierungsorganisation CEDOE und der deutschen CIL (Christliche Initiative Centrum Internationales Lernen) das Konzept eines Netzwerks, bei dem sich verschiedene Akteure ergänzen, vom Tourismus profitieren und sich gegenseitig stärken. Im Zentrum steht eine Herberge in Verbindung mit der Verköstigung der in- und ausländischen Besucher. Die (organische) Landwirtschaft hat als Zulieferer einen neuen Markt, und die Kunsthandwerker/innen können ihre traditionellen Techniken vorführen und mehr Absatz erzielen. Indígenas mit Englischkenntnissen oder Besitzer von Pferden bieten Touren in die Umgebung an. Die Beteiligung von Frauen – nicht nur an der Arbeit, sondern auch an den Entscheidungen und dem Einkommen – wurde von Anfang an betont.

 

Dieses an sich schlüssige Konzept liess sich aufgrund der lokalen Sozialstrukturen nur teilweise umsetzen. In der Regel sind es Familienclans, die ein Gesamtpaket anbieten mit Unterkunft, Verpflegung und einem Einblick in die Kultur und Natur des Ortes. Die meisten Beteiligten sehen als Voraussetzung für den Einstieg in den Tourismus den Bau einer Unterkunft, was an einigen Stellen zur Errichtung konkurrierender Herbergen geführt hat. Unterstützung und Fortbildung gibt es durch Nichtregierungsorganisationen, staatliche Stellen und ACTUAR, einem nationalen Zusammenschluss von Initiativen des ländlichen Tourismus, der auch ein Reservierungssystem anbietet und auf Tourismusmessen präsent ist.

 

Costa Rica ist wegen seiner Artenvielfalt weltberühmt. In- und ausländische Besucher finden in den Nationalparks je nach Region tropischen Regenwald, Nebelwald und Trockenwald, und spezialisierte Guides kennen Hunderte von Pflanzen- und Vogelnamen. Die Initiativen der  indigenen Gemeinschaften bieten dazu ein Plus, das sonst etwas zu kurz kommt: einen Einblick in Jahrhunderte alte Kulturen, den Umgang mit der Natur durch Nutzung von Wildpflanzen und Heilkräutern, und die Begegnung mit Menschen von heute, die sich zwischen Tradition und Moderne trotz aller Beschränkungen einen Weg bahnen.

 

Beispiel: die Familie von Mariano Marquínez, am Rande des Nationalparks Corcovado. Hinter dem Haus ein Fluss mit reinem Quellwasser, auf den Bäumen  manchmal Tukane und sogar Rote Aras. Das Haus ist in L-Form gebaut: der Anbau mit Stockbetten und der Familientrakt begegnen sich in einem palmblattgedeckten „Rancho“, in dem das Essen auf dem Feuer gart und die Besucher unwillkürlich in das Familienleben integriert werden.

 

Ein schönes Projekt auf der Karibikseite findet sich in Yorkín. Die Touristen werden mit dem Einbaum an der Grenze zu Panama flussaufwärts geschippert. Unterwegs sieht man Kochbananen aus organischem Anbau, die in Europa zu Babynahrung verarbeitet werden. Die Touristen können auch den Anbau von Kakao und die Produktion köstlicher Hausmacher-Schokolade miterleben – und dürfen natürlich probieren.

 

Klaus Beisswenger in: Lateinamerika Anders Panorama, Wien

Ökotouristische Projekte von Indigenen