Reise nach El Salvador und Guatemala
Die Horizonte schließen sich, aber die Hoffnung stirbt nicht!
Studienreise der Ökumenische Initiative Mittelamerika nach El Salvador und Guatemala 2002
Die letzten Tage der Arche Noah
Riesige Bulldozer bahnen sich ihren Weg durch die Natur und die Außenbezirke von San Salvador, Hauptstadt des mittelamerikanischen Landes El Salvador. Die dortige Regierung will den ungeheuerlichen Betrag von 1.000 Millionen US-$ in den Bau von Autobahnen stecken, um die Voraussetzungen für eine riesige Freihandelszone von Alaska bis Feuerland zu schaffen.
Vom 10. bis 20. August sind wir in El Salvador unterwegs. Das gigantische Autobahnprojekt begegnet uns auf Schritt und Tritt. Nachdem wir heute eines der wenigen Bürgermeisterämter besucht haben, das sich gegen das Mammutunternehmen stemmt, folgen wir nun der Schneise, die von den Maschinen geschlagen wurde.
Eine kleine evangelische Kirche, mit dem Namen Arche Noah, wird den Maschinen bald weichen müssen. Noch wohnen die Menschen in ihren Hütten, ahnen zum Teil nur was auf sie zukommen könnte. Zu ihrer Vertreibung besteht keine Alternative. Die Regierung lässt sie bewusst im Unklaren über das was auf sie zukommt.
In den wenigen Tagen, in denen wir im Land sind, trägt die Organisation UNES, ein politischer Ökologie-Dachverband, das Thema in die Medien. UNES ist unsere Partnerorganisation. Auf dem Programm unserer Reise stehen weitere Organisationen, die an einer Demokratisierung und sozialen Gestaltung des Bürgerkriegslandes arbeiten. Seit zehn Jahren schweigen die Waffen offiziell.
Die Gewalttätigkeit und die Zerstörung von Mensch und Natur ist seitdem Jahr für Jahr angestiegen. El Salvador hat Kolumbien, das bislang die höchste Kriminalität hatte, auf den zweiten Platz verdrängt.
Immer wieder stoßen wir auf die Thematik Privatisierung aller öffentlichen Dienstleistungen. Seit Februar 2000 wird, von der Öffentlichkeit bislang kaum beachtet, in der WTO über das GATS (General Agreement on Trade in Services) verhandelt. Die Verhandlungen zur weltweiten Privatisierung von Bildung, Gesundheit, Wasser, Kultur, Transport, Telekommunikation, um nur einige Bereiche zu nennen sollen bis 2005 abgeschlossen werden. Die Lateinamerikanischen Länder sind dabei die Versuchslabore für die Gesellschaftsmodelle der Zukunft.
Arche Noah im Bergland Guatemalas
Der Mais war noch nie so hoch, die Ernte noch nie so üppig. Dort wo es früher kaum für den Anbau der Grundnahrungsmittel gereicht hatte, blühen jetzt mitunter sogar Gladiolen, die am Sonntag stolz aus den Bergen ins Tal gebracht werden, um den Gottesdienstraum zu schmücken.
Tomaten und Gurken werden geerntet. Die Ernte ist so reich, dass die Früchte auf dem lokalen Markt in Zacapa verkauft werden können.
Erstaunliches geschieht hier fernab von der Hauptstadt. Die Lutherische Kirche arbeitet mit dem Programm Von Campesino zu Campesino vor Brot für die Welt:
Neue Anbaumethoden, die Erzeugung von biologischem Dünger, der Anbau von Naturheilpflanzen und neue Bewässerungsmethoden in Verbindung mit dem Aufbau von sozialen und kirchlichen Vertrauensstrukturen in den Bergdörfern haben Erstaunliches zutage gebracht.
Dort, wo bei unserem letzten Besuch vor zwei Jahren noch eine hoffnungslose Armut herrschte und eine Kultur der Gewalt herrschte, sind nun deutliche Zeichen der Verbesserung sichtbar. Hier im Kleinen entsteht wie an anderen Orten in Guatemala der Samen für eine neue Gesellschaft. Von der Basis her werden Forderungen an die nationale Politik gestellt. Es geht um Landrechte, genauso wie um die Umsetzung des Friedensabkommens mit dem der Bürgerkrieg in Guatemala 1995 beendet wurde. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Kirchen, die sich im Ökumenischen Forum für den Frieden und die Versöhnung zusammengeschlossen haben. Unter ihnen befindet sich auch die Lutherische Kirche/ILUGUA.
Der Krieg ist zu Ende, die Repression geht weiter. Kirchen und Menschenrechtsorganisationen erhielten kurz vor unserer Einreise nach Guatemala am 30. Juli 2002 massive Morddrohungen.
Die Reisegruppe
Die Reisegruppe bestand aus 5 Mitgliedern des Vorstands der Ökumenischen Initiative Mittelamerika und Andreas Heuser, der an der Missionsakademie des EMW arbeitet.
Von der Ökumenischen Initiative Mittelamerika nahmen teil:
Isabelle Lehnert, Pfarrerin in Ulm/Wiblingen
Susanne Büttner, Gefängnispfarrerin in Gotteszell/Schwäbisch Gmünd
Adelheid Honecker, lange Jahre mit ihrem Mann in Kolumbien in der deutschen Gemeinde tätig
Brigitte Schwarz, Lehrerin
Ralf Häußler, Industrie- und Sozialpfarramt Stuttgart
Eindrücke aus Guatemala
Seit über zehn Jahren verbindet die Ökumenische Initiative Mittelamerika und die Lutherische Kirche in Guatemala (ILUGUA) eine enge persönliche Projektpartnerschaft. Bislang war die ILUGUA auf die Förderung von kleinen konkreten Projekten durch Spenden von Kirchen angewiesen. Die württembergische Landeskirche begann größer angelegte Projekte zu fördern. Im Mai 2001 fand im Diakonischen Werk Stuttgart ein Gespräch statt, dass die Arbeit der ILUGUA auf neue finanzielle Beine stellte.
Vorher konnte diese Kirche aufgrund der dürftigen Finanzmittel nur sehr begrenzt arbeiten. Nun, durch die Zusammenarbeit von Brot für die Welt, der Württembergischen Landeskirche und der Ökumenischen Initiative Mittelamerika gelang die Finanzierung eines Zweijahresplanes, mit dem die Arbeit organisatorisch und strukturell auf neue Beine gestellt werden konnte.
Sie ruht auf 3 Säulen:
- Landwirtschaftsprojekte im nachhaltigen Anbau/ Schutz des Regenwalds
- Gemeindeaufbau
- Ökumene mit anderen Kirchen und Dialogprozess der verschiedenen Lutherischen Kirchen und Gemeinden in Guatemala.
1. Landwirtschaftsprojekte im nachhaltigen Anbau Wir besuchten mit dem Jeep und durch ausgedehnte Fußwanderungen verschiedene Gemeinden, in denen die Lutherische Kirche zum Teil in Zusammenarbeit mit CIEDEG, dem Verband der Evangelischen Kirchen in Guatemala arbeitet.
Bei einem ausgedehnten Ausflug in die Richtung der Grenze zu Honduras besuchten wir ein Projekt, in dem Eduardo Cabrera gemeinsam mit CIEDEG mit den Chorti - Indianern in Jocotan arbeitet. Es war sehr beeindruckend, die neuen Bewässerungsmethoden kennen zu lernen, die eine deutlich bessere Ernte ermöglichen.
Begleitet wurden wir von der Pfarrersfamilie Schweickle, die seit kurzem in Guatemala Stadt die deutschsprachige Lutherische Gemeinde betreut. Familie Schweickle kommt aus der württembergischen Landeskirche. Die Pfarrersleute haben großes Interesse daran, den Kontakt mit der Lutherischen Kirche in Zacapa auszubauen.
Bei diesem Ein-Tagesauflug wurde uns auch das Konzept "Von Campesino zu Campesino" klar. Neue Anbaumethoden werden umgesetzt. Dann werden einzelne Vertreter aus umliegenden Gemeinden eingeladen, um sich selber ein Bild über die Erfolge und über die Vorgehensweise zu machen. Erfahrungen werden ausgetauscht und so ein Lernprozess in Gang gesetzt, der selbstbestimmt an den konkreten Fragen der Landbevölkerung ansetzt.
Der Pfarrgarten in der Trementina selbst entwickelt sich immer weiter zu einem Forschungslabor, in dem neue Anpflanzmethoden ausgetestet und neue Pflanzen ausgesetzt werden, die dann in die weiteren Gemeinden ausgeliefert werden.
Die Lutherische Kirche /ILUGUA verfolgt das Ziel, lokale Märkte und Tauschstrukturen in den Bergen entstehen zu lassen und den Markt von Zacapa zu nutzen, um die Überschüssigen Früchte und Ernten zu verkaufen.
Viele Campesinos hatten bislang nur die Möglichkeit, sich als Tagelöhner in den fernliegenden Plantagen von Del Monte zu verdingen. In den Bergen wurden nur Bohnen und Mais angebaut. Alles weitere musste zum Teil teuer erkauft werden und hat somit die Armutsspirale immer weiter nach unten gedreht. Der jetzige Ansatz besteht darin, die eigenen Kräfte der Kleinbauern und Kleinbäuerinnen zu aktivieren und neue Modelle der nachhaltigen Landwirtschaft zu entwickeln und zu verbreitern.
2.Gemeindeaufbau Es ist schon etwas Besonderes nach Zacapa hineinzufahren und direkt am Ortseingang ein Hinweisschild zur ILUGUA zu sehen. Die Lutherische Kirche hat die Büros und den Gottesdienstraum bewusst aus der Finca der Cabreras ausgesiedelt und nach Zacapa verlegt. Zu einem ist Zacapa eine mittelgroße Stadt, zum anderen sind die Installationen der Kirche und der Gottesdienstraum für die Gemeinden um Zacapa leichter zu erreichen.
Der Kern der Gemeindearbeit liegt zwar immer noch bei der Familie Cabrera, die sich trotz vieler Jahre der Repression und der Armut nicht davon abbringen ließe, ihre Vision einer lutherischen Kirche in Guatemala aufzubauen. In den Bergdörfern um die Trementina sind nun jedoch eigene Gottesdienst- und Gemeindestrukturen aufgebaut worden. Die Struktur der Lutherischen Kirche soll unabhängiger von der Familie Cabrera werden.
Bei den Gesprächen mit Pfarrer Pilar und Vertreterinnen der Kirchengemeindeleitung wird deutlich, dass in den neuen Strukturen Wert auf die Rolle der Frau in Leitungspositionen gelegt wird. Ebenso wichtig wird die Theologische Bildungsarbeit genommen. Beide Punkte: die Aufwertung der Rolle der Frauen in den Leitungsstrukturen und die Theologische Basisarbeit in den Gemeinden spielen eine zentrale Rolle in den Planungen der Kirche für die nächsten Jahre.
3. Ökumene und Dialogprozess
Bei einer Kirchenversammlung in den Bergen in der Gemeinde Los Achiotes waren auch der katholische Katechet und ein Prediger einer Pfingstgemeinde anwesend. Dies zeigt den ökumenischen und offenen ekklesiologischen Ansatz der von der ILUGUA entwickelt wird.
Einigungsprozess der Lutherischen Kirchen und Gemeinden
Der Einigungsprozess, der von dem deutschen Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde und von der ILUGUA seit einiger Zeit initiiert wurde, kommt nun hoffentlich in eine neue Phase:
Nachdem bislang Gespräche auf der mittleren Ebene geführt wurden, die darin bestanden, dass gemeinsam die Bibel gelesen und ausgelegt wurde und über die jeweilige Situation in der Lutherischen Gemeinde und Kirche gesprochen wurde, ist für Oktober 2002 ein Gespräch auf der Leitungsebene vorgesehen.
Verschiedene Kirchen in Guatemala sind von der erzkonservativen Missouri Synode abhängig. Die Missouri Synode lehnt die Frauenordination ab. Es besteht kein Interesse an der Ökumene und eine Verbindung mit sozialen und politischen Fragestellungen wird von den konservativen Lutheranern abgelehnt. Es scheint aber nun der Fall zu sein, dass durch die mehrjährigen vertrauensbildenden Gespräch zwischen den verschiedenen Lutherischen Kirchen ein Austausch und ein Abstimmungsprozess auf der Leitungsebene in Gang kommen könnte.
Pfarrer Schweickle und Pfarrer Cabrera haben großes Interesse diesen Prozess gemeinsam voranzutreiben. Andererseits bedingt die politische Situation in Guatemala einen Abstimmungs- und Kommunikationsprozess der Lutheraner. Die Lutherische Kirche ist im Forum für Versöhnung und Frieden, das vom katholischen Erzbischof ins Leben gerufen wurde und in dem alle wichtigen Kirchen Guatemalas vertreten sind, auch vertreten. Nicht nur hier ist es nötig, die Positionen der Lutheraner abzustimmen und zu lernen, mit einer Stimme zu sprechen.
Bei der Rundreise im Mai 2001 in Deutschland besuchten wir mit den zwei Vertretern der ILUGUA auch Genf. Der Lutherische Weltbund zeigte großes Interesse daran, die Arbeit der Lutherischen Kirche in Guatemala kennen zu lernen und im Besonderen den Einigungsprozess mit zu unterstützen. Trotz verschiedener Versuche aus Guatemala ist bislang jedoch noch wenig Konkretes aus Genf zu hören. Es scheint wichtig zu sein, dass vom Evangelischen Oberkirchenrat und von der Ökumenischen Initiative Mittelamerika aus die Bemühungen um eine Aufnahme des Dialogs zwischen der ILUGUA und dem Lutherischen Weltbund unterstützt werden.
In Guatemala wurden die Vorteile und Stärken einer an der Basis orientierten Arbeit sehr deutlich. Aus dieser Basisarbeit erwachsen aber auch Forderungen an die nationale und internationale Politik. In Gesprächen in den Bergdörfern wurde deutlich, wie diese Verzahnung geschieht.
Die dort Versammelten entwickeln neue nachhaltige Modelle von Landwirtschaft. Sie sind aber gleichzeitig der Repression durch die Großgrundbesitzer ausgeliefert, die versuchen, sie von ihren Ländereien zu vertreiben.
In der Gemeindeversammlung wurden Forderungen abgestimmt, die Vertreter aus der Gemeinde nach Guatemala Stadt tragen sollen, um diese in einen größeren nationalen Kontext zu stellen und um sich mit Gemeinden und Bauernorganisationen in anderen Teilen des Landes, die unter ähnlichen Problemen leiden, in Verbindung zu setzen.
Bildlich gesprochen, entstehen an der Basis kleine Inseln für einen neuen Ansatz von neuen Modellen für Kirche und Landwirtschaft, die sich auf nationaler und internationaler Ebene vernetzen und damit auch politische Tragweite erlangen.
El Salvador Die uns einladende Organisation in El Salvador war UNES, Dachverband ökologischer Gruppen in El Salvador. Dies ist bezeichnend für die sich wandelnde Situation unserer Partnerschaft mit diesem Land. Ausgangspunkt der Partnerschaften waren Arbeitseinsätze, Gemeindepraktika und Menschenrechtsaktionen im Land und bei uns in Deutschland für die Arbeit der Lutherischen Kirche El Salvadors.
Seit der Gründung der Ökumenischen Initiative Mittelamerika 1989 arbeiten wir eng mit der Lutherischen Kirche El Salvadors und im Besonderen mit der dortigen Jugendarbeit, aber auch mit der Frauenarbeit zusammen. Eine Aufgabenstellung war es nun, die aktuelle Situation dieser Kirche wahrzunehmen und zu eruieren, inwiefern eine weitere Zusammenarbeit möglich und sinnvoll ist.
Des Weiteren sollten verschiedene soziale und Menschenrechtsorganisationen besucht werden, um wahrzunehmen, wie das Land zehn Jahre nach dem Bürgerkrieg dasteht und welche neuen demokratischen Strukturen im Moment vorhanden sind, neu entstehen oder auch an Wirkungskraft verlieren.
Viele der ehemaligen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, mit denen wir in den letzten Jahren eng zusammengearbeitet haben, haben die Kirche inzwischen verlassen, weil sie in ihr keine Perspektive mehr gefunden haben.
Sie arbeiten in sozialen, ökologischen oder Menschenrechtsorganisationen. Der Besuch in ihren jetzigen Organisationen und das Kennenlernen des jeweiligen Arbeitsansatzes war eine überraschende und interessante Beobachtung in unserer Studienreise. Exemplarisch sollen zwei Organisationen kurz dargestellt werden.
Es geht um das IMU, das Fraueninstitut El Salvadors und um FESPAD, eine Menschenrechtsorganisation, die mit und auch im Besonderen mit den wirtschaftlichen, sozialen und politischen Menschenrechten arbeitet. Bei beiden Organisationen wurde deutlich, dass eine sehr große Ernüchterung über die Umsetzung des Friedensabkommens in El Salvador eingetreten ist. Auch die politischen Verhältnisse im Land haben nicht zu einer Demokratisierung beigetragen.
So ist bislang zwar die ehemalige Befreiungsbewegung FMLN im Parlament vertreten, wenn auch in äußerst segmentierter und zerstrittener Art und Weise. Die Macht liegt aber immer noch bei der ARENA Partei, deren Gründer einer der berüchtigsten Schlächter der Geschichte El Salvadors und Verantwortlicher für die Ermordung von Erzbischof Romero war.
Der lange Bürgerkrieg in dem kleinsten Land Mittelamerikas hat auch bei den Volksorganisationen für hierarchische und autoritäre Strukturen gesorgt. Der Aufbau von demokratischen internen Strukturen fällt nicht nur der Kirche, sondern auch dem sozialen neuen Bewegungen schwer. Dieser internen hierarchischen Struktur entspricht auf der Arbeitsebene mit den Gemeinden und der Gesellschaft ein von oben nach unten Denken.
Beide von uns besuchten Organisationen haben diesbezüglich eine Kehrtwendung um 180 Grad gemacht. IMU versucht auf der Basisebene es zu ermöglichen, dass Frauen ihre Interessen äußern und diese in politische Forderungen fassen.
FESPAD macht eine Basisarbeit, die zum Beispiel an Verfassungstexten oder auch Texten des Friedensabkommens ansetzt. Durch die Lektüre und das Gespräch dieser grundlegenden Texte wird im Vergleich mit der realherrschenden Situation die Diskrepanz deutlich und die Teilnehmenden ermutigt, selbstbewusster für ihre Rechte einzutreten.
Beide Organisationen arbeiten auch mit Frauen aus den sogenannten Maquilas, den Näherinnen in den internationalen Textilfirmen, die sich in den Freihandelszonen nicht nur in Mittelamerika angesiedelt haben. Da eine gewerkschaftliche Organisation dort verboten ist und sich Frauen auch anders organisieren als Männer, werden neue Organisationsmodelle und Kommunikationsstrukturen zwischen den Frauen für die Vertretung ihrer Interessen am Arbeitsplatz aufgebaut. Eine Arbeit direkt in den Maquilas ist unmöglich, deswegen wird wohnortnah gearbeitet, Gesprächskreise werden aufgebaut. Damit fließen Themen der Arbeitswelt und der Lebenswelt der Frauen ineinander.
Plan Puebla-Panama In einen großen wirtschaftspolitischen Zusammenhang wurde unsere Reise durch den Autobahnbau in El Salvador gestellt. Die Präsidenten von Mittelamerika haben sich verpflichtet, im Plan Puebla-Panama die Infrastruktur und die Bedingungen herzustellen, die es ihnen ermöglicht, so schnell wie möglich den Planungen der Bush Administration einer Freihandelszone von Alaska bis zum Feuerland beizutreten.
Es kann vermutet werden, das gerade die mittelamerikanische Länder, in denen in den letzten Jahren sehr viele Maquilas entstanden sind, Angst vor der wachsenden Konkurrenz an billigen Arbeitskräften in China haben. Auf lateinamerikanischer Ebene führt die Bush Administration im Moment Gespräche mit den verschiedenen Ländern, um sie für ihren Plan des ungehemmten Handelns und des ungehemmten Marktes in ganz Amerika einzustimmen.
Diese sogenannten ALCA Verhandlungen (Area de libre comercio de las Americas) bringen einschneidende Veränderungen und Eingriffe in die einzelnen Staaten. schon jetzt ist zum Beispiel absehbar, dass der Mittelstand in Mittelamerika vollständig verschwinden wird.
Wirtschaft und Arbeitsmärkte werden von den Maquilas beherrscht werden. Den Unternehmen soll garantiert werden, dass sie sich völlig frei und ungehemmt entwickeln können. Bestand des Vertrags ist in diesem Zusammenhang eine Klausel, die den einzelnen Staat verpflichtet, für die geschätzten Mindereinnahmen der Unternehmen aufzukommen, die durch eine etwaige nationale Gesetzgebung im Bezug auf ökologische und soziale Standards Gewinneinbußen erfahren könnten.
Auch für Gewinnminderung wegen etwaiger Streiks kommt der Staat auf: Ein Paradies für Unternehmen, ein Horror für einen demokratischen Staat.
Es hat schon etwas Bezeichnendes, dass diesen äußerst weitreichenden Plänen und Infrastrukturmaßnahmen in El Salvador letztendlich nur drei Bürgermeisterämter und eine Umweltorganisation widersprechen. Wir besuchten die drei Bürgermeisterämter, sahen verschiedene Formen des Widerstands und lernten die Argumente der Gegnerinnen und Gegner kennen.
Die Bürgermeisterämter hatten eigene Pläne für Infrastrukturmaßnahmen und Siedlungspolitik aufgestellt, die durch den Bau der gigantischen Autobahnen obsolet werden. Sie hatten Veränderungsvorschläge an die Regierung eingebracht, die aber nicht einmal beantwortet wurden.
Da sich die Gemeinden über eine Umlage, die sie von der Zentralregierung erhalten, finanzieren, bedeutet dies, dass alle Arten von Projekten und von lokaler und kommunaler Entwicklung auf Jahrzehnte hinaus der Garaus gemacht wird.
Die Argumentation von Verkehrsministerium und Regierung für den Bau des großen Autobahnringes um San Salvador entbehrt nicht einer bestimmten Ironie. Als Hauptargument wird angeführt, dass die Familien mehr Zeit gemeinsam verbringen können, weil der Verkehr flüssiger läuft. Als zweites Argument wird die Einsparung von Kraftstoff angeführt, die durch die Verflüssigung des Verkehrs möglich sein wird und damit direkt die Wirtschaftskraft der Familien verbessert.
Das Anführen dieser individualistischen Argumente in einem Plan, in dem es um geopolitische Interessen geht, mutet äußerst bizarr an.
Wir besuchten eine Baustelle, in der die Bagger gerade gezwungen waren, für eine bestimmte Zeit mit ihrer Arbeit aufzuhören, weil der Bürgermeister einen Baustopp erzwungen hatte. Lokale Widerstandsformen müssen Hand in Hand gehen mit dem internationalen Protest gegenüber der Amerikanischen Bank und dem Internationalen Währungsfond, mit deren Krediten die Megaprojekte finanziert werden sollen.
Die Lutherische Kirche El Salvadors Einer ganz anderen Baustelle begegneten wir durch ein Gespräch mit dem Bischof Medardo Gomez und seinen Abteilungsleitungen.
Dieses Treffen war von Seiten der Lutherischen Kirche relativ hoch angesetzt - was uns beinah ein bisschen erstaunte - desto deprimierender waren für uns die Eindrücke und Schlussfolgerungen. Es ist dem Bischof und seiner Synode nicht gelungen, patriarchale und hierarchische Strukturen, die während des Krieges durchaus ihre Funktion hatten, durch demokratischere und partizipativere Strukturen zu ersetzen.
Junges Leitungspersonal hat die Kirche verlassen bzw. wurde vor die Tür gesetzt, damit die Altvorderen wieder ihre Plätze in den Leitungsgremien einnehmen konnten. Die Kirche hat in der Zeit des Bürgerkriegs eine herausragende Rolle für die Friedensbemühungen und die Verbesserung der Menschenrechte im Land gespielt. Wir nehmen an, dass sie ihre Rolle in der Nachkriegsgesellschaft noch nicht gefunden hat. Auf der Ebene der Jugendarbeit fanden wir viele interessante und bemerkenswerte Ansätze. Im Gespräch mit den Leitungsgremien hatten wir jedoch den Eindruck, dass diese Ansätze nicht unterstützt oder organisch in die Kirche eingebracht werden können.
Den Zweifeln, die wir vor unserer Reise nach Mittelamerika hatten, folgte nun gewissermaßen die Klarheit darüber, dass im diesem Zustand der Lutherischen Kirche in El Salvador eine sinnvolle Zusammenarbeit auf der Projektebene nicht möglich ist.
Bei aller Kritik darf aber nicht übersehen werden, dass die Lutherische Kirche eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Diskurs in El Salvador spielt. Sie greift politisch brisante Themen auf und bringt sie in die ßffentlichkeit. In diesem Sinn hat sie eine hohe Reputation bei Sozialen, Menschenrechts- und Gewerkschaftsorganisationen. Oft bezieht sich diese gesellschaftliche Anerkennung auf die Person des Bischofs Medardo Gomez.
Wir führten Gespräche mit dem Verantwortlichen für die Jugendarbeit, Pastor Rafael, ihm sicherten wir Unterstützung auch finanzieller Art (in einem überschaubaren Rahmen) zu, wenn die Jugendlichen ein Projekt präsentieren.
Folgende Schlussfolgerungen haben wir aus der Reise gezogen:
Wichtig waren uns die Begegnungen, der Austausch, das gemeinsame Gebet über die Situation in Mittelamerika und in Europa. Auch wenn das Armutsgefälle zwischen den Gesellschaften enorm ist, so sind es doch ähnliche Probleme, die uns diesseits und jenseits des Ozeans beschäftigen:
In welcher Form und mit welchen Inhalten kann die Kirche einen wichtigen und wesentlichen Beitrag zu einer sozialen und gerechten Gesellschaften leisten? Wie können Basisbewegungen unterstützt werden, um Netzwerke aufzubauen, die auch gesellschaftlich und politisch schlagkräftig sind?
Ein ungleicher Kampf, wie bei David und Goliath. Wie gelingt es der Ökologieorganisation UNES und den drei Bürgermeisterämtern sich gegen Pläne von geopolitischer Reichweite zu stemmen?
Ein anderer Punkt, der beide Gesellschaften betrifft, die von Guatemala und in El Salvador, aber auch die deutsche oder die europäischen: Wie gehen wir gesellschaftlich mit den Versuchen um alle Dienstleistungen der Gesellschaft, alles öffentliche Gut zu privatisieren und einem hemmungslosen Markt auszuliefern?
Die dreiwöchige Studienreise der Ökumenischen Initiative Mittelamerika stand unter den Worten des Psalm 104.
Es ist der Lobgesang über die wohlgestaltete Schöpfung Gottes, die aber des Schutzes und der Begrenzung bedarf.
Gott möchte, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der die Armen nicht in den Sand gedrückt werden, und die Reichen nicht Haus an Haus reihen, sodass kein Platz mehr für die Armen übrig ist, diese Worte der Propheten Amos und Jesaja ermutigen die Menschen in Mittelamerika. Ausbeutung und Zerstörung von Mensch und Natur sind nicht als gottgegeben hinzunehmen. Die Spiritualität der Schöpfung Gottes, aber auch das prophetische Feuer sind uns wieder einmal bei der Reise nach Mittelamerika deutlich geworden.
Verfasser: Ralf Häußler